Im späten 2. Jhd. v. Chr. begann die Vorherrschaft der Römer. Im Jahr 122 v. Chr. gründete der Konsul Gaius Sextius Calvinus die Colonia Aquae Sextias – das heutige Aix. Kurz darauf wurde die Provincia Gallia Narbonensis eingerichtet, die Taufpatin der Provence. Die neue Provinz bildete eine Barriere gegen die „Barbaren“ aus dem Norden. Auf ihrem Zug nach Süden wurden die Cimbern und Teutonen südöstlich von Aix am Fuße eines Gebirgszugs vernichtend geschlagen. Noch heute heißt er, christlich verklärt, „Berg des Sieges“: Montagne Ste. Victoire. Teils durch militärische Eroberungen, teils durch kluge Politik gewannen die Römer immer mehr Macht: Es entstanden Militärkolonien, und im 1. Jahrhundert n. Chr. wurde die Verwaltung durch Verleihung der römischen Bürgerrechte an einheimische Beamte abgesichert. Die Römer verdeutlichten ihre Macht durch viele prächtige Bauwerke: Triumphbögen (Orange), Tempel (Nîmes) und Amphitheater (Nîmes, Arles, Orange). Auch die Infrastruktur wurde in einer langen Friedensphase perfektioniert, es entstanden Aquädukte (Pont du Gard) und Straßen (Via Domitia). Die Landwirtschaft blühte. Die einstige keltische Kultur wurde nahezu vollständig überlagert.
Konstantin der Große machte Arles Anfang des 4. Jahrhunderts n. Chr. zur Hauptstadt seines Reiches, was die Stellung der Stadt bis ins Mittelalter hinein festigte. Dennoch ging mit dem Verfall des römischen Reiches auch das Ende der römischen Provincia einher. Invasionen verschiedener Germanenstämme zogen über sie hinweg, und mit der Absetzung des letzten römischen Kaisers durch den Germanenfürsten Odoaker im Jahr 476 n. Chr. endete eine kulturell prägende Epoche.
Während des politisch unruhigen 11. und 12. Jahrhunderts erlebte die Provence kulturell eine äußerst fruchtbare Phase. Die Bevölkerung wuchs, Wirtschaft, Handel und Kultur blühten. Das Bürgertum erlangte neues Selbstbewusstsein, und die Kirche wurde ungemein reich. Noch heute zeugen die romanischen Kirchen, Kreuzgänge und Klöster vom damaligen Bauboom.
Auch die monastische Bewegung erstarkte, und die Provence wurde zur Etappe auf der berühmten Pilgerstraße nach Santiago de Compostela.
Auf die Zeit der Religionskriege folgten lange Jahre der Ruhe, in denen die Bevölkerung weiter wuchs, Handel und intellektuelles Leben aufblühten. Dabei entwickelten sich schon damals die entlegenen Gegenden der Haute Provence wesentlich langsamer als die bevorzugte Küstengegend. In den Städten entstand allmählich Industrie: Gerbereien, Töpfereien, die Herstellung von Tüchern und Stoffen, von Seife und Papier.
Vom Ersten Weltkrieg war die Provence nur indirekt betroffen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland wurde sie vorübergehend zum Rückzugsort vieler Emigranten, unter ihnen Thomas Mann und Bertolt Brecht. Während des Vichy-Regimes wurden allerdings auch hier Internierungslager eingerichtet, und Marseille wurde zum Sammelbecken Verzweifelter, die sich eine letzte Fluchtmöglichkeit nach Übersee erhofften. Die Résistance hatte vor allem in den entlegenen Berggegenden Zulauf, und bis heute kann man hier zahlreiche Gedenktafeln entdecken.
Seit 1970 sind die Regionen der Provence in der Verwaltungseinheit Provence-Alpes-Côtes d’Azur zusammengefasst. Schon der Name sagt, dass hier so unterschiedliche Landschaften wie Mentalitäten vereint wurden. Nach wie vor besteht der größte Gegensatz zwischen den entlegenen Bergregionen und der lebendigen Küstengegend. Dabei leben mittlerweile 80 % der Bevölkerung in Städten. Während in der Haute Provence viele Landwirte nur noch mit dem Zubrot des Tourismus existieren können, ist die Küste vom allgemeinen Strukturwandel der letzten Jahrzehnte geprägt. Traditionelle Industrien wie der Schiffsbau sind rückläufig, gleichzeitig entstehen neue Arbeitsplätze in der Hochtechnologie oder im modernen Dienstleistungssektor. Die TGV-Verbindung zwischen Paris und Marseille verkürzt die Reisezeit auf 3 Stunden – was etliche Firmen aus der Ile de France in den billigeren Süden zieht. Hier genießen junge nicht-provenzalische Arbeitskräfte die bessere Lebensqualität, und das Ballungsgebiet Bouche-du-Rhône ist mittlerweile mit Schlafstädten überzogen, in denen man provenzalisches Flair oft vergeblich sucht...
Nach wie vor jedoch spielen Landwirtschaft und Tourismus eine wichtige Rolle in der Wirtschaft und im kulturellen Leben der Provence. Lernen Sie die Gegensätze dieser unvergleichlichen Landschaften kennen!




